Das Museum / Volkskunst und Moderne

Das Interesse an der Kultur breiterer Bevölkerungsschichten setzte mit den Veränderungen der Moderne ein. Am Ende der Epoche des so genannten Historismus entstand das Interesse an Gebilden und Dekorationsformen, die ein eigenständiges Stilempfinden auszudrücken schienen. Anfangs zeigte sich dieses Interesse durch ein zielloses Ansammeln und Dokumentieren von "Altertümern", Kuriositäten oder herausragenden Werken. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung fand erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts statt. Damals wurden in ganz Europa entsprechende Museen gegründet. Sammlungen historischer Volkskunst, meist des 18. und 19. Jahrhunderts, verwahren neben regionalen Museen vor allem das Österreichische Museum für Volkskunde in Wien und das Tiroler Volkskunstmuseum.

Die frühe Beschäftigung mit "Volkskultur" war durch einen idealisierten Blick auf die ländliche Bevölkerung und ein gedachtes Zusammenspiel des "Naturschönen" (Romantik) mit "Volkskunst" gekennzeichnet. Heimatfreunde und bildende Künstler der Moderne (z.B. Primitivismus) begannen die öffentliche Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die bis dahin von der Kunstszene unbeachtet oder gar verachtet wurden. Diese neue Sichtweise hatte einerseits Vorbildcharakter, andererseits war sie mit einem Rettungs- bzw. Erhaltungsgedanken für das kulturelle Selbstverständnis der Nation verbunden. Häufig wurde jedoch diese Vorbildkultur als starr und unveränderbar begriffen, Neuerungen als Bedrohung verstanden. Die Hersteller und Träger der "Volkskultur" galten deshalb als anonym: Man schenkte zwar den von ihnen gemachten Objekten, selten aber ihnen selbst Beachtung. Deshalb kennen wir heute von vielen Objekten weder den Namen der Hersteller noch ihrer Benützer.

Volkskunst ist Ausdruck eines Weltbilds und sozialer Ordnung, einer Wertvorstellung (zum Beispiel Frömmigkeit in Andachtsbildern, Votivtafeln oder -gaben) und des kollektiven Gedächtnisses. Der Blick nach hinten entdeckt vergessene Güter für das traditionelle Bewusstsein, der Blick nach vorne sieht zugleich Vorbilder für Erneuerungen.

Hieraus leitet sich auch eine Bedeutung für gegenwärtige Gesellschaften ab: Das moderne Leben ist – wenn auch nicht immer sichtbar – durch Erfahrungen vergangener Zeiten geprägt. Dies zeigt sich insbesondere bei den gegenwärtig intensiv geführten Diskursen um das Kulturelle Erbe oder um Regionale Identitäten. "Volkskunst" ist kein rückwärtsgewandter Begriff. Vielmehr steht "Volkskunst" im Spannungsfeld zwischen Dauer und Veränderung, zeugt sowohl vom "Nach – Leben" als auch von der Bedeutung historischer Kultur für die Gegenwart und verweist somit auf die Historie einer Region und seiner Bewohner.